Mehr als nur eine astronomische Uhr

Der berühmte „Mechanismus von Antikythera“ konnte viel mehr als bislang angenommen

Eine über 2000 Jahre alte mechanische Rechenmaschine – der „Mechanismus von Antikythera“ – konnte nicht nur den Lauf von Sonne und Mond vorhersagen, sondern auch die Bewegung der in der Antike bekannten Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Das berichtet jetzt ein Forscherteam aus Großbritannien und Zypern im Fachblatt „Scientific Reports“. Den Wissenschaftlern gelang es erstmals, ein vollständiges Modell des Mechanismus zu entwickeln, das ausgehend vom in der Antike bekannten astronomischen Wissen alle durch eingravierte Inschriften beschriebene Funktionen erfüllt.

Es handelt sich um einen archäologischen Zufallsfund: Im Jahr 1900 stießen Schwammtaucher vor der zwischen der Peloponnes und Kreta liegenden griechischen Insel Antikythera auf ein römisches Schiffswrack. Auf der Basis von Münzfunden ließ sich der Untergang des Schiffs auf den Zeitraum zwischen den Jahren 70 und 60 vor Christus datieren. Unter den zahlreichen Objekten, die von den Tauchern im Laufe der Zeit aus dem Wrack an die Oberfläche gebracht werden, befindet sich auch ein stark korrodierter Messingklumpen, eingebettet in den Resten eines Holzkastens, sowie zahlreiche offenbar dazu gehörige Bruchstücke.

Erste Untersuchungen in den Folgejahren deuten darauf hin, dass es sich bei dem Messingklumpen um die Überreste einer überraschend komplexen feinmechanischen Apparatur handelt – eine Art antiker Rechenmaschine. In den 1950er Jahren zeigen Röntgenuntersuchungen auch im Inneren des Messingklumpens Zahnräder und mechanische Bauteile, sowie zahlreiche eingravierte Inschriften. Und es zeigt sich, dass der Mechanismus sogar noch älter ist: Er stammt offenbar bereits aus dem späten 2. Jahrhundert vor Christi.

Damit wurde der „Mechanismus von Antikythera“ endgültig zur archäologischen Sensation: Der Apparat besitzt ein feinmechanisches Niveau, dass man weder den alten Griechen noch den Römern zugetraut hatte – und das in Europa erst anderthalb Jahrtausende später wieder erreicht wurde. Es sei „als würde man einen Düsenjet in Tutanchamuns Grab entdecken“, begeisterte sich der britische Wissenschaftshistoriker Derek de Solla Price.

Aber wie genau hat die Rechenmaschine funktioniert – und was konnte sie alles anzeigen? Auf diese Fragen konnten die Forscher bislang keine vollständigen Antworten finden. Viele Forscher sahen in dem Mechanismus lediglich eine Art astronomischer Uhr zur Nachbildung der Bewegung von Sonne und Mond, die unter anderem zur Vorhersage von Sonnen- und Mondfinsternissen diente.

Andere Wissenschaftler waren jedoch davon überzeugt, dass der Mechanismus eine Art analoger „kosmischer Computer“ war, der sogar die scheinbare Bewegung der in der Antike bekannten Planeten am Himmel korrekt wiedergeben konnte. Denn Angaben zu diesen Planeten fanden sich auch in den Beschriftungen des Mechanismus. Das Problem der Forscher: Ein großer Teil der Rechenmaschine ist verlorengegangen – nur etwa ein Drittel hat das Schiffsunglück und die Jahrtausende auf dem Meeresgrund überstanden.

Die Wissenschaftler müssen also versuchen, aus diesem Drittel und den darin enthaltenen Inschriften den gesamten Apparat zu rekonstruieren. Dabei sind jetzt Tony Freeth vom University College London und seine Kollegen offenbar erfolgreich gewesen – wobei sie bei der Interpretation der Inschriften das bekannte astronomische Wissen der Antike einfließen ließen. Ausgangspunkt der Analyse des Teams waren 2005 aufgenommene Röntgenbilder, die weitere Inschriften auf der Rückseite des Mechanismus zeigen. Außerdem halfen ihnen zwei Zahlen auf die Sprünge, die sich auf der Vorderseite fanden: 462 und 442. Mit diesen Zahlen ließ sich, so fanden Freeth und seine Kollegen heraus, mithilfe von Zahnrädern die Bewegung der Planeten Venus und Saturn relativ zur Erde darstellen.

Ausgehend von dieser Erkenntnis gelang es den Forschern schließlich, ein vollständiges Modell des Mechanismus von Antikythera zu rekonstruieren – und zu zeigen, dass es tatsächlich die Bewegung nicht nur von Sonne und Mond, sondern auch der fünf in der Antike bekannten Planeten mit hoher Genauigkeit wiedergibt. Es handele sich um das Werk eines Genies, schreiben die Forscher: „Es kombiniert die Zyklen der babylonischen Astronomie, die Mathematik von Platos Akademie und die astronomischen Theorien der alten Griechen miteinander.“ Nun müsse man als nächstes zeigen, dass sich das rekonstruierte Modell tatsächlich mit den in der Antike bekannten handwerklichen Verfahren herstellen lasse.

Bildquelle: Tony Freeth

Autor: Rainer KayserE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!