Nasa-Chef entfacht den Streit um Pluto neu
Am 18. Februar 1930 erspähte der amerikanische Astronom Clyde Tombaugh auf Fotoplatten des Himmels ein winziges Lichtpünktchen, das sich sehr langsam gegenüber den Sternen bewegte. Tombaugh hatte Pluto entdeckt, eine eisige Welt weit jenseits von Neptun, 40-mal weiter von der Sonne entfernt als die Erde. Jahrzehntelang galt Pluto unangefochten als neunter Planet unseres Sonnensystems.
Doch gegen Ende des 20. Jahrhunderts stießen Astronomen auf eine wachsende Zahl weiterer Objekte, die jenseits des Planeten Neptun auf ähnlichen Bahnen um die Sonne kreisen wie Pluto. Als die Himmelsforscher 2005 mit Eris ein Transneptun-Objekt entdeckten, das ähnlich groß und sogar etwas massereicher als Pluto ist, machte sich unter ihnen Unruhe breit: Sollte es dort draußen, in der als Kuipergürtel bezeichneten Region, vielleicht noch viele weitere Objekte ähnlich Pluto geben? Und sollten diese dann alle als Planeten zählen?
Die weltweite wissenschaftliche Dachorganisation der Astronomen, die Internationale Astronomische Union IAU, zog 2006 die Reißleine. Sie schuf den neuen Begriff „Zwergplanet“ für Pluto und vergleichbare Objekte, um die Zahl der Planeten im Sonnensystem nicht immer weiter anwachsen zu lassen. Während die Wissenschaftler überwiegend mit dieser Regelung zufrieden waren, ging – insbesondere in den USA – ein Aufschrei durch die breite Öffentlichkeit: Pluto sollte ein Planet bleiben und nicht zum Zwerg degradiert werden. Schließlich war er der einzige Planet, der von einem Amerikaner entdeckt worden war.
Doch die Astronomen ließen sich davon nicht beeindrucken. Historisch gesehen ist es auch nicht ungewöhnlich, dass Himmelsobjekte ihren Status ändern. Ein mit Pluto vergleichbares Beispiel ist Ceres. Ende des 18. Jahrhunderts rätselten sich die Himmelsforscher über eine ungewöhnlich große Lücke zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter. Sie vermuteten dort einen weiteren, bislang übersehenen Planeten. Am 1. Januar 1801 stieß der italienische Astronom Giuseppe Piazzi bei seiner Arbeit an einem neuen Sternkatalog auf Ceres. Weitere Beobachtungen zeigten, dass dieser Himmelskörper seine Bahn in der Lücke zieht, deshalb hielten die Astronomen Ceres für den dort angenommenen Planeten.
Doch in den darauf folgenden Jahren entdeckten die Forscher viele weitere Himmelsobjekte, die zwischen Mars und Jupiter um die Sonne kreisen. Deshalb setzten sich unter den Forschern rasch die Begriffe „Kleinplaneten“ und „Asteroiden“ für diese Objekte durch. Mit einem Durchmesser von 963 Kilometern ist Ceres der größte Körper in diesem Asteroidengürtel – und gilt heute wie Pluto als Zwergplanet.
In den vergangenen 20 Jahren ebbte auch in der Öffentlichkeit die Debatte um den Status von Pluto langsam ab. Doch jetzt flammte sie unerwartet wieder auf – durch eine überraschende Aussage von Nasa-Chef Jared Isaacman. Am 28. April fand vor einem Senatsausschuss eine Anhörung über das Budget der amerikanischen Raumfahrtbehörde statt. Zum Ende der Veranstaltung erinnerte Senator Jerry Morgan aus Kansas daran, dass der Entdecker Plutos lange in seinem Bundestaat gelebt habe. Deshalb würde er gern von Isaacman erfahren, ob die Nasa an Pluto interessiert sei.
Isaacman hätte hier über die Raumsonde New Horizons berichten können, die 2015 an Pluto vorbeiflog. Und er hätte das Nasa-Konzept für den Pluto-Orbiter Persephone erwähnen können. Doch stattdessen fachte er den Streit um Pluto neu an: „Senator, ich bin absolut dafür, Pluto wieder zu einem Planeten zu machen.“ Die Nasa wolle sicherstellen, so führt er weiter aus, „dass Clyde Tombaugh die Anerkennung erhält, die er einst erhielt und die ihm zu Recht erneut zusteht.“
Während Medien das Thema aufgriffen, reagierten Astronomen irritiert, aber gelassen. „Derzeit gibt es keine laufende formale IAU-Arbeit, die darauf abzielt, einen Planeten neu zu definieren“, teilt IAU-Pressesprecher Ramasamy Venugopal mit. Und Joanna Drążkowska vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen betont: „Innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft ist die Lage geklärt.“
Venugopal erläutert, dass die Entscheidung der IAU auf jahrelangen wissenschaftlichen Überlegungen beruhe. Sowohl Planeten als auch Zwergplaneten sind Himmelskörper, die um die Sonne kreisen und die ausreichend Masse besitzen, um durch ihr Eigengewicht eine runde Form anzunehmen. Planeten jedoch sind so massereich, dass sie mit ihrer Schwerkraft eine breite Zone um ihre Umlaufbahn von anderen, kleineren Körpern „bereinigen“ – diese also aus ihrer Bahn werfen. Und das ist weder bei Pluto noch bei Ceres der Fall.
Hier setzt allerdings auch die Kritik an: In der Umgebung der Erdbahn gibt es über 40.000 Asteroiden – müsste folglich nicht auch die Erde ein Zwergplanet sein? Drążkowska sieht hier durchaus eine Schwäche: „Dass ein Planet die Nachbarschaft um seine Umlaufbahn geräumt haben muss, ist vage formuliert.“ Aber die Asteroiden in der Umgebung der Erde besitzen nur eine sehr geringe Masse, betont die Astronomin. Im Gegensatz dazu teilen sich Pluto und Ceres ihre Bahnen mit einer großen Anzahl von Objekten ähnlicher Masse. Die Erde ist millionenfach massereicher als alle erdnahen Asteroiden. Pluto macht dagegen nur etwa acht Prozent der Masse aller dort kreisenden Himmelskörper aus.
Vielleicht definiert die IAU die Trennlinie zwischen Planet und Zwergplanet künftig konkreter, beispielsweise über das Verhältnis der Massen. Doch Pluto würde dadurch nicht wieder zu einem Planeten. Denn dann würde die Liste der Planeten unseres Sonnensystems immer länger werden. Bisher hat die IAU nur fünf Himmelskörper als Zwergplaneten anerkannt. Aber Listen von Kandidaten enthalten teilweise mehrere hundert weiterer Objekte. Alle diese Himmelskörper zu Planeten zu machen „würde grundlegend unterschiedliche Objekttypen unter derselben Bezeichnung mischen, was den Begriff weniger informativ macht“, so Drążkowska.
Wissenschaftler brauchen klare Begriffe, damit sie sich untereinander verständigen können. Die IAU hat eine wissenschaftliche Sprachregelung zu treffen, um große Planeten von kleineren zu unterscheiden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass in der Alltagssprache Begriffe eine andere Verwendung finden als in der Forschung. So werden im Alltag Masse und Gewicht – in der Physik unterschiedliche Größen – oft gleichgesetzt. Ebenso Kraft und Energie. Und dann gibt es noch den berühmten Quantensprung: In der Alltagssprache etwas Großes, in der Physik dagegen die kleinstmögliche Änderung eines Zustands. Auch wenn also Pluto für die Fachwelt ein Zwergplanet ist, kann er aus Nostalgie für viele Menschen – insbesondere für die Einwohner des US-Bundestaats Kansas – ein Planet bleiben.
Bildquelle: NASA