„Die Sternennacht“ entsprang nicht der Fantasie des Malers, sondern zeigt einen realen Himmelsausschnitt
„Die Sternennacht“ zählt zu den berühmtesten Gemälden des niederländischen Malers Vincent van Gogh. Bislang dachten Kunstexperten, die Darstellung der Sterne und es Mondes auf dem Bild seien der Imagination des Künstlers entsprungen. Doch das war ein Irrtum, wie jetzt Forscher aus Korea zeigen. Wie die Wissenschaftler im Fachblatt „Scientific Reports“ berichten, zeigt das Gemälde Mond, Venus und einen Teil des Sternbilds Stier, und zwar so wie van Gogh den Himmel am 22. Juli 1889 sehen konnte.
Als Elijah Jeong-hyun Kim von der Kyung Hee Universität in Südkorea „Die Sternennacht“ das erste Mal gesehen hat, war der Fall für ihn sofort klar. „Für einen Beobachter wie mich sieht die Ansammlung von Sternen auf dem Bild wie die Hyaden im Stier aus“, so der Forscher. Doch frühere Studien behaupteten, das Gemälde zeige das Sternbild Widder oder den Schwan. Kim war irritiert – und sein Interesse war geweckt.
Es waren zwei Wissenschaftler aus den USA, Albert Boime und Charles Whitney, die in den 1980er Jahren die widersprüchlichen Erklärungen des Gemäldes präsentiert hatten. Kunsthistoriker reagierten ob dieser sich ausschließenden Interpretationen mit mildem Spott auf solche Versuche. Fortan erlahmte das Interesse an einer astronomischen Zuordnung der abgebildeten Sterne und man schrieb die Darstellung der Fantasie van Goghs zu.
Kim mochte das nicht glauben. Zusammen mit Kollegen unternahm er eine Forschungsreise nach Saint-Rémy-de-Provence in Südfrankreich. Dort hatte sich van Gogh zur Zeit der Entstehung des Gemäldes in einer Nervenheilanstalt aufgehalten, um sich nach einer schweren psychischen Krise behandeln zu lassen. Zudem studierten die Wissenschaftler die aus jener Zeit stammenden Aufzeichnungen und Briefe van Goghs.
Dabei stießen Kim und seine Kollegen auf mehrere Ungereimtheiten. Aufgrund eines Briefes von van Gogh an seinen Bruder Theo waren Experten bislang davon ausgegangen, das Bild sei etwa am 18. Juni entstanden. Doch zu dieser Zeit war der Mond fast voll, während auf dem Bild eine schmale, abnehmende Mondsichel zu erkennen ist. Außerdem stimmen auf den ersten Blick die Größenverhältnisse der dargestellten Landschaft nicht mit der Realität überein. Es sei denn, so die Erklärung von Kim, van Gogh habe nur einen kleineren Ausschnitt seines Ausblicks gewählt als bislang angenommen.
Die schmale Mondsichel führte das Team auf ein neues Datum für die Entstehung des Gemäldes: den 22. Juli 1889. Ein besonders helles Gestirn auf dem Bild wäre dann die Venus als Morgenstern. Van Gogh selbst schrieb an seinen Bruder, er habe morgens von seinem Fenster den Morgenstern gesehen, „der sehr groß aussah“. Und tatsächlich wären dann auch die Hyaden am Morgenhimmel für van Gogh sichtbar gewesen.
Mit einer Entfernung von 150 Lichtjahren sind die Hyaden der uns am nächsten gelegene Sternhaufen. Er besteht aus Hunderten von Sternen, von denen sechs mit bloßem Auge zu erkennen sind und mit Aldebaran, dem hellsten Stern im Stier, ein auffälliges „V“ bilden. Mithilfe eines statistischen Verfahrens, das auch in der Bilderkennung häufig Verwendung findet, konnten Kim und seine Kollegen tatsächlich eine gute Übereinstimmung der Sterne auf dem Gemälde mit den Hyaden und ihrer Umgebung belegen.
Das Team hat sein Verfahren bereits auf ein weiteres Gemälde van Goghs angewendet, auf die „Caféterrasse am Abend“. Bei den Sternen auf diesem Bild handelt es sich nach Ansicht der Forscher um das Sommerdreieck. Kim und seine Kollegen wollen nun Stück für Stück weitere Darstellungen des Sternenhimmels durch den niederländischen Maler analysieren. „Wir wollen diese Geschichten eine nach der anderen erzählen“, so der Forscher.
Bildquelle: V. van Gogh