Galaktisches Zentrum: Sternentstehung überraschend nah am Schwarzen Loch

Nur zwei Lichtjahre vom supermassiven Schwarzen Loch entfernt entstehen trotz starker Gezeitenkräfte neue Sterne

Evanston (USA) - Nahe an einem supermassiven Schwarzen Loch können keine Sterne entstehen: Die starken Gezeitenkräfte des Schwarzen Lochs reißen jede Gaswolke auseinander, bevor sie kollabieren und sich zu einem neuen Stern verdichten kann. So dachte man bisher. Doch jetzt haben amerikanische Astronomen eindeutige Anzeichen für die Bildung neuer Sterne innerhalb von nur zwei Lichtjahren um das supermassive Schwarze Loch im Zentrum unserer Milchstraße gefunden. Starke ultraviolette Strahlung oder der Zusammenstoß von Gaswolken könnte die Sternentstehung auslösen, schreiben die Forscher im Fachblatt „Astrophysical Journal Letters“.

„Wir sehen Moleküle, die aus dichten Gaswolken herausströmen“, erläutert Farhad Yusef-Zadeh von der Northwestern University im amerikanischen Evanston. „Solche Strömungen sind typisch für Sternentstehungsgebiete in anderen Regionen der Galaxis.“ Deshalb gehen Yusef-Zadeh und seine Kollegen auch hier davon aus, dass die Strahlung gerade entstehender Sterne im Inneren der Gaswolken die Strömungen verursacht. „Die Umgebungen sind extrem unterschiedlich, doch wenn die richtigen Bedingungen erfüllt sind, kollabieren die Gaswolken und es entstehen neue Sterne.“

Seit über einem Jahrzehnt fragen sich die Astronomen, woher die sehr jungen Sterne mit einem Alter von unter zehn Millionen Jahren in der unmittelbaren Nachbarschaft des vier Millionen Sonnenmassen großen Schwarzen Lochs im galaktischen Zentrum stammen. Die Beobachtungen von Yusef-Zadeh und seinen Kollegen könnte nun eine Antwort darauf geben: Sie entstehen entgegen der Erwartungen in dieser unwirtlichen Umgebung. Zwei mögliche Prozesse sehen die Wissenschaftler dabei am Werk. Starke ultraviolette Strahlung junger Sterne könnte die Gaswolken von außen so stark zusammendrücken, dass es trotz der zerrenden Gezeitenkräfte zu einem Kollaps kommt. Und Zusammenstöße zwischen Gaswolken könnten Stoßwellen auslösen, die zu einer Verdichtung mit anschließendem Kollaps führen.

Yusef-Zadeh sind bei Beobachtungen mit der neuen Antennenanlagen ALMA, dem Atacama Large Millimeter/Submillimeter Array, auf insgesamt elf Objekte mit verräterischen Gasströmungen gestoßen. ALMA, ein internationales Gemeinschaftsprojekt unter der Federführung der Europäischen Südsternwarte ESO, entsteht derzeit in 5000 Metern Höhe über auf dem Chajnantor-Plateau in der chilenischen Atacama-Wüste. Nach Fertigstellung soll ALMA aus 66 Antennen bestehen, die im kurzwelligen Radiobereich beobachten. Dieser Strahlungsbereich eignet sich besonders gut für die Beobachtung der Geburt von Sternen und Planeten.

Bildquelle: ESO/NAOJ/NRAO

Autor: Rainer KayserE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!